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Samstag, 4. April 2026

Das Ostermysterium

Das Ostermysterium

Eine konzentrische Deutung

Das Ostermysterium

I. Der Koran und die Kreuzigung — der scheinbare Widerspruch

Sure 4:157 ist die Schlüsselstelle: „Sie haben ihn nicht getötet und nicht gekreuzigt — sondern es erschien ihnen so." Der orthodoxe Islam interpretiert das als historische Verneinung der Kreuzigung. Aber das ist eine Lesart — und zwar eine, die den sprachlichen und kontextuellen Spielraum des arabischen Textes nicht ausschöpft.

Die entscheidende Frage ist: Was ist das Subjekt des Satzes?

Das Arabische shubbiha lahum — „es erschien ihnen so" — ist grammatisch mehrdeutig. Es muss nicht heißen: „Jemand anderes wurde gekreuzigt." Es kann heißen: „Ihr Verständnis des Vorgangs war fehlerhaft." Die Juden und Römer, die Jesus kreuzigten, glaubten, ihn zu vernichten. Aber genau das taten sie nicht. Sie töteten den Leib — aber nicht das, was Jesus war. In diesem Sinne: Sie haben ihn nicht wirklich getötet — er ist auferstanden.

Der Koran leugnet also nicht die Kreuzigung als historisches Ereignis. Er leugnet die Deutungsmacht der Henker über das Ereignis. Das ist eine metaphysische Aussage, keine historische Korrektur. Und das schließt sich mit dem christlichen Verständnis nicht nur nicht aus — es verstärkt es.

Ibn Arabi, der größte Sufi-Metaphysiker, hat genau das angedeutet: Jesus starb auf eine Weise, die die Sterbenden nicht verstanden. Das Geheimnis lag nicht im physischen Tod, sondern in dem, was durch ihn geschah.

II. Psalm 22 — das gesungene Vorspiel zur Vollendung

Dass Jesus am Kreuz Psalm 22 rezitierte — „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" — ist kein Verzweiflungsschrei. Es ist ein bewusster liturgischer Akt der Bewahrheitung.

Der Psalm beginnt mit der extremsten Gottverlassenheit — und endet mit kosmischem Triumph:

  • „Sie teilen meine Kleider unter sich" — geschah wörtlich
  • „Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt" — geschah wörtlich
  • „Alle Enden der Erde werden sich besinnen" — das ist die Verheißung, die folgt

Wer den ersten Vers singt, singt im jüdischen Traditionsverstehen den ganzen Psalm. Jesus zitiert nicht nur die Klage — er singt die Prophezeiung ihrer Auflösung. Das Kreuz ist der tiefste Punkt des Psalms. Aber der Psalm endet nicht dort.

Das ist der literarische und liturgische Rahmen, innerhalb dessen die Kreuzigung verstanden werden muss: als erfüllte Prophezeiung, nicht als Tragödie.

III. Blut und Wasser — das kosmische Opfer am Gnadenthron

Der Lanzenstich des Longinus — historisch durch Johannes 19:34 bezeugt — bringt Blut und Wasser hervor. Das ist medizinisch erklärbar (Herzbeutelerguss), aber die symbolische Tiefe ist entscheidend.

Im jüdischen Versöhnungsritual (Jom Kippur), wie in Levitikus 16 beschrieben, werden über dem Kapporet — dem Gnadenthron, der Deckplatte der Bundeslade — genau zwei Substanzen vergossen: Blut und Wasser. Das ist das einzige Opfer, das unmittelbar vor dem Angesicht Gottes vollzogen wird, im Allerheiligsten.

Jesus stirbt nicht nur als Mensch. Er stirbt als Hohepriester und Opferlamm in einer Person — eine Doppelrolle, die der Hebräerbrief explizit entfaltet, die aber bereits im Augenblick des Lanzenstichs vollzogen wird: Das Blut und Wasser aus der Seitenwunde sind die Opfergaben, die über dem wahren Gnadenthron vergossen werden.

Der Heilige Gral — in manchen Überlieferungen das Gefäß, das dieses Blut und Wasser auffing — ist damit nicht ein mythisches Artefakt, sondern das Symbol für den Behälter des größten Opfers der Geschichte. Der Speer des Longinus, der den Herzbereich Christi berührt, ist das Instrument, durch das die Opfergabe freigegeben wird. Dass er als Schicksalsspeer in die Geschichte eingegangen ist — bei Karl dem Großen, bei Konradin, später in Hitlers Obsession damit — zeigt, wie tief die metaphysische Resonanz dieses Moments in das kollektive Gedächtnis eingedrungen ist.

IV. Dornenkrone, Geißel, Nägel — das alchemistische Programm

Die Werkzeuge der Passion sind in der alchemistischen Sprache Instrumente der Calcination, Putrefaction und Sublimation:

  • Die Geißelung — Calcination: das Rohmaterial wird durch Feuer und Schlag gereinigt, die äußeren Schlacken abgetrennt. Der Körper als Träger alter Konditionierungen wird gebrochen.
  • Die Dornenkrone — Putrefaction: der Verstand, der Sitz des Egos und der falschen Identifikation, wird durchbohrt. Die Dornen sitzen oben — nicht am Körper, nicht am Herzen, sondern am Kopf. Das analytische, klassifizierende, herrschende Ego wird gekrönt — mit seiner eigenen Auflösung.
  • Die Nägel — Fixation: der Körper wird ans Kreuz fixiert, bewegungsunfähig gemacht. In der Alchemie ist Fixation der Prozess, durch den das Volatile gebunden wird, damit das Reine aufsteigen kann.

Das Kreuz selbst ist das vas hermeticum — das hermetische Gefäß, in dem die Transmutation stattfindet.

V. Korn, Ei, Schmetterling — die drei Bilder des Durchbruchs

Jesus selbst hat das tiefste dieser Bilder gewählt — und er wählte es kurz vor seiner Passion, als Deutung des Kommenden. Johannes 12:24: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht." Kein Theologe hat dieses Bild nachträglich auf ihn angewendet. Er hat es auf sich selbst angewendet, im Voraus.

Das Samenkorn beschreibt das tiefste Stadium: Es verschwindet vollständig in der dunklen Erde — unsichtbar, scheinbar verloren, ohne jedes äußere Zeichen, dass etwas geschieht. Der Glaube muss ohne Bestätigung auskommen. Erst wenn die innere Reife einen Schwellenwert überschreitet, bricht die Schale — von innen, nicht durch äußere Hilfe — und das Wachstum strebt dem Licht entgegen. Das entspricht Youngs vierter Stufe exakt: nicht nur dunkel, sondern unsichtbar. Der Umkehrpunkt findet im Verborgenen statt.

Das Ei mit dem Riss fügt eine entscheidende Nuance hinzu: Die Schale bricht nicht, weil jemand von außen eingreift — sie bricht, weil das Wesen darin zu groß geworden ist, um darin zu bleiben. Das leere Grab ist ein geborstenes Ei. Der Stein wird weggerollt — aber nicht, um Jesus herauszulassen. Er ist bereits draußen. Der Stein wird weggerollt, damit die anderen hineinsehen können. Und in der Alchemie ist das vas hermeticum — das philosophische Ei — genau jenes geschlossene Gefäß, in dem die Transmutation stattfindet, bevor es aufbricht.

Der Schmetterling im Kokon schließlich macht den Prozess sichtbar in seiner radikalsten Form: Die Raupe löst sich im Kokon buchstäblich auf — ihre Zellen dedifferenzieren sich zu einer formlosen Suppe, bevor die neue Gestalt entsteht. Kein sanfter Übergang. Erst vollständige Auflösung, dann Auferstehung.

Die drei Bilder bilden eine aufsteigende Linie der Sichtbarkeit: Das Korn verschwindet ganz. Das Ei zeigt den Riss. Der Schmetterling entfaltet die Flügel. Aber die Logik ist in allen dreien dieselbe: Was nicht stirbt, kann nicht auferstehen. Was die Schale nicht sprengt, bleibt gefangen.

VI. Judas — der notwendige Schatten

Judas ist das dunkelste Paradox des Ereignisses: ohne Verrat kein Verhör, ohne Verhör keine Verurteilung, ohne Verurteilung keine Kreuzigung, ohne Kreuzigung keine Auferstehung.

Jesus kannte es im Voraus — Johannes 13:27: „Was du tust, das tue bald." Er hätte es verhindern können. Er hat es nicht verhindert. Das bedeutet: Judas war integrierter Teil des göttlichen Plans — nicht Saboteur, sondern unwissendes Werkzeug.

Das wirft die Frage auf, die Origenes stellte und die Kirche nie ganz beantwortet hat: Ist Judas verdammt? Er hat getan, was getan werden musste. Die Reue danach — die Rückgabe der Silberstücke, der Selbstmord — zeigt, dass er das Gewicht dessen, was er getan hatte, vollständig empfand. Er war kein kalter Verräter. Er war ein Mensch, der von etwas überwältigt wurde, das größer war als er.

In Arthur Youngs Sprache: Judas ist der Katalysator, der den Abstieg in die vierte Stufe vollzieht. Ohne ihn kommt der Prozess nicht in Gang.

VII. Arthur Young und die vierte Stufe — der kosmische Umkehrpunkt

Youngs Theory of Process beschreibt sieben Stufen der Manifestation des Geistes in der Materie und zurück:

  1. Licht · reines Potential
  2. Teilchen · erste Bindung
  3. Atome · zunehmende Komplexität
  4. Moleküle · maximale Unfreiheit — der Umkehrpunkt
  5. Pflanzen · erste Autonomie
  6. Tiere · Mobilität, Willensfreiheit
  7. Menschen · Rückkehr zur Freiheit im Bewusstsein

Die vierte Stufe ist der Tiefpunkt — aber sie ist zugleich die zentrale, die pivot. Young nennt es den Moment des größten Determinismus, wo die Freiheit am weitesten entfernt scheint — und wo sich entscheidet, ob der Geist die Kraft aufbringt, den Rückweg anzutreten.

Die Inkarnation Christi ist genau das: Gott steigt in die vierte Stufe hinab — in Fleisch, in Schmerz, in Sterblichkeit, in die äußerste Unfreiheit. Der Kreuzestod ist der Tiefpunkt dieser Bewegung. Die Auferstehung ist der Beweis, dass der Umkehrpunkt überwunden wurde.

Metanoia — griechisch für Umkehr, Sinnesänderung — ist genau dieser Moment: nicht psychologische Reue, sondern kosmische Umkehr der Richtung. Das Kreuz ist der geometrische Ort dieser Umkehr.

VIII. Cross the I — Kreuzige das Ego

Das Kreuz () entsteht, wenn ein Querstrich das senkrechte I durchbohrt. Das Ich, das sich als absolute Wirklichkeit setzt — das Cartesische ego cogito — wird durch ein Anderes gekreuzt, relativiert, aufgehoben.

Der Marterpfahl der Plains-Indianer — die Lakota-Zeremonie des Sonnentanzes — ist das schamanische Äquivalent: Durch Fleischpiercings an Stangen gehängt, bis zur Erschöpfung, um die Grenze des Körper-Ichs zu überschreiten. Opfer verleiht moralische Autorität — nicht weil Schmerz an sich wertvoll ist, sondern weil er beweist, dass das Ego nicht das letzte Wort hat.

Verzicht und Entsagung sind letztlich der einzige Weg aus der Verhaftung an die Welt. Wer am Leben hängt, wird es verlieren. Wer es verliert, gewinnt das ewige Leben.

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IX. Dasselbe Zentrum

Das Ostermysterium ist kein historisches Ereignis, das auch theologische Bedeutung hat. Es ist ein kosmisches Ritual, das in der Geschichte vollzogen wurde:

  • Der Geist (Logos) steigt in die äußerste Materie hinab — Inkarnation
  • Er erreicht den Tiefpunkt der Unfreiheit — Kreuzigung, Tod
  • Er vollzieht die kosmische Metanoia — Auferstehung
  • Und beweist damit für alle Stufen des Seins: der Tod hat nicht das letzte Wort

Der Koran sagt: Sie haben ihn nicht wirklich getötet. Der Psalm sagt: Der Schrei der Verlassenheit endet im kosmischen Triumph. Die Alchemie sagt: Aus Calcination und Putrefaction entsteht das Gold. Arthur Young sagt: Die vierte Stufe ist nicht das Ende — sie ist der Drehpunkt. Das Korn sagt: Erst sterben, dann Frucht.

Alle sagen dasselbe — auf verschiedenen Ebenen desselben Geheimnisses.

Das Geheimnis lautet: Verliere dein Leben, um es zu gewinnen. Wer am Ich festhält, verliert sich. Wer das Ich loslässt — kreuzigt —, findet das Selbst, das dahinter wartet.

Das ist keine christliche Exklusivwahrheit. Es ist die innerste Grammatik des Kosmos, bezeugt von Jesus, gespiegelt im Koran, beschrieben von den Sufis, vorgezeichnet von den Schamanen, formuliert von Young — und erlebt von jedem, der den eigenen Kokon wirklich aufgelöst hat.

auf-zur-mitte.blogspot.com  ·  Ostern 2026

Donnerstag, 14. Februar 2019

Gefährdet der Islam den "(Un)rechtsstaat"?




Mit "Ungläubigen" wurden im Koran nicht alle "Nichtmoslems" bezeichnet, sondern ausschließlich die Feinde der ersten Gottgläubigen (die Bezeichnung "Moslem" enstand erst viel später)! Und das waren die vertragsbrüchigen, hochkriminellen, vor keiner Mordtat und Vertragsbruch zurückschreckenden Mekkaner (Götzenanbeter), gegen die sich die friedliebenden Gotteskinder anfangs nicht mit aller Entschlossenheit zur Wehr setzen wollten, weil sie zugleich ja auch ihre Verwandten waren. Sehr detailgetreu und informativ ist der Spielfilm "Mohammed - der Gesandte Gottes" von 1977, mit Anthony Quinn und Irene Papas. Hier in einer per KI aufbereiteten, beamer-tauglichen Version.


Mohammed - der Gesandte Gottes (1977, mit Anthony Quinn)

Diese Aufforderung zur selbstlosen Pflichterfüllung im Kampf gegen das ausgemacht Böse sogar dann, wenn es gegen die eigene Verwandtschaft geht, ist auch aus der Bhagavad Gita bekannt (die "Mahabharata", der großindischer Krieg vor 5000 Jahren war ein gigantisches Ereignis und forderte angeblich 18 Mio. Tote).

 Dr. Zakir Naik: Richtigstellung von "Dschihad" und "Ungläubigen"

Dr Zakir Naik offenbart den Kontext dieses Koranverses: mitten im Krieg! Genauso wäre es teuflisch, sagt Naik, unter Unterschlagung des Kontextes (des Kampfes um die Wahrheit) zu behaupten, die Bhagavad Gita würde lehren, seine Verwandten und Cousins zu töten!


Islamophoben sehen den Grund, weshalb die Moslems ihre "koranverordnete Mordlust" nicht offen praktizieren, in ihrer derzeitigen Minderheit. Würde aber in der antiislamischen Propaganda auch nur ein Fünkchen Wahrheit stecken, dürfte die größte Diaspora außerhalb Israels von 20.000 Juden mitten im Herzen von Teheran nicht schon seit Jahrhunderten völlig unbehelligt leben können!

Nicht der Islam selbst gefährdet also den Staat, sondern der tiefe Staat selbst inszeniert den "Clash of Civilization" nach Samuel Huntington, um das neomarxistische Gesellschaftsmodell einer atheistisch-satanischen NWO durchzusetzen, das schon John Lennon in seinem weltbekannten Song "Imagine..." zelebrierte ("...no countries, no possession and no religion, too - it's easy, if you try").






NWO-Prophetie "Imagine" von John Lennon 


Islam heißt Liebe und nicht Scharia

An diesem Mittwoch eröffnet das Zentrum für Islamische Studien, damit gibt es erstmals in Deutschland das Fach „Theologie des Islam“. Dazu ein Beitrag aus unserem Archiv. Gott ist kein Diktator, sagt Mouhanad Khorchide, erster Ausbilder für islamische Religionslehrer. Wer den Islam als strafende Gesetzesreligion auslegt, mache ihn anfälllig für politische Instrumentalisierung.
Viele gläubige Muslime projizieren ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammesvater, dem man unhinterfragt gehorchen und sich unterwerfen muss, auf ihre Vorstellung von Gott. Demnach gestaltet sich die Gott-Mensch-Beziehung als Beziehung zwischen einem Befehlshaber und einem Befohlenen, einem Knecht. Der Herr braucht seinen Knecht, er ist auf seine Dienste angewiesen, um seine Herrlichkeit genießen zu können.
Will aber Gott wirklich, dass Menschen ihn verherrlichen? Braucht er unseren Dienst? Sicher nicht! Diese Vorstellung eines restriktiven Gottes, dem es nur um sich selbst geht, unterscheidet sich kaum von der Vorstellung eines restriktiven Diktators, dem es nicht um die Interessen seines Volkes geht, sondern um die Unterwerfung der Menschen unter seinen Willen. Der Mensch wäre demnach unmündig, er ist auf die Instruktionen Gottes angewiesen. Der Koran und die prophetische Tradition werden in dieser Sichtweise als Instruktionen wahrgenommen, die Gott dem Menschen verkündet, da dieser nicht in der Lage sei, von sich aus zu erkennen, was gut und was schlecht für ihn ist.
Der Koran und die Sunna (die prophetische Tradition) sind demnach eine Art Bedienungsanleitung für das Funktionieren des Menschen. Diese Metapher wird sehr oft von islamischen Gelehrten benutzt, die damit die Unmündigkeit des Menschen und seine Angewiesenheit auf göttliche Instruktionen unterstreichen wollen.
Ihr Argument lautet: „Wie der Konstrukteur einer Maschine diese am besten kennt und zur optimalen Nutzung eine Bedienungsanleitung beilegt, weiß Gott, der Schöpfer des Menschen, am besten, was für den Menschen gut und was schlecht ist. Daher müssen wir uns an seine Anleitung halten, auch dann, wenn uns der Sinn nicht immer einleuchtet. Man muss nicht immer alles verstehen. Wir müssen einfach nur das tun, was Gott sagt, dann ist alles in Ordnung, dann kann nichts schief gehen. Unser Verstand ist ohnehin so begrenzt, dass er nie alles wird nachvollziehen können, daher soll man nicht krampfhaft versuchen, alles zu verstehen.“
Problematisch an dieser Vorstellung ist, dass im Menschen eben lediglich eine Maschine gesehen wird. Die Freiheit des Menschen, seine Selbstbestimmung und der Stellenwert seiner Vernunft, mit der er Entscheidungen treffen kann, rücken weit in den Hintergrund. Die Beziehung des Gläubigen zu Gott wird auf eine Dimension reduziert, nämlich die des Gehorsams: Gehorsame werden für ihren Gehorsam belohnt, Ungehorsame entsprechend bestraft.
Die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Gotteserfahrungen zu machen und diese zu reflektieren, eine individuelle Beziehung zu Gott aufzubauen, eine eigene Religiosität zu entwickeln und diese selbst zu verantworten, für sich selbst zu entscheiden, wie er sein Leben entwerfen und auf Gott individuell ausrichten will – all das wird ignoriert und unterdrückt. Wäre es aber nicht unfair von Gott, uns eine Vernunft zu geben, die verstehen will, die viele Fragen hat und vieles hinterfragen will, die dem folgen will, was ihr einleuchtet, was sie nachvollziehen kann – aber zugleich von uns zu erwarten, diese Vernunft zu unterdrücken?
Ist dann Vernunft eine Falle, die Gott dem Menschen gestellt hat, um zu sehen, ob er sich für das blinde Gehorchen oder das kritische Reflektieren entscheidet? Ist die Vernunft somit der Hauptfeind des Menschen? Und das menschliche Leben ein einziger Kampf gegen die eigene Vernunft? Sind diejenigen Sieger, die sich für Gott und gegen die Vernunft entschieden haben, und die Verlierer, die sich zur Vernunft und gegen Gott gewandt haben?
Viele islamische Gelehrte spielen Gott gegen die Vernunft aus. Sie stellen die Menschen vor die Wahl: entweder Gott oder die Vernunft. Diese Position wird weder Gott noch der Vernunft gerecht. Beide gehen dadurch verloren. Gott wird zu einem selbstsüchtigen Diktator gemacht, und die Vernunft wird ausgeschaltet. Diese Sicht widerspricht auch der koranischen Vorstellung der Gott-Mensch-Beziehung.
Der koranische Gott ist ein barmherziger Gott
Der koranische Gott stellt sich uns ganz anders vor. Er stellt sich als der liebende, barmherzige Gott vor, der die Menschen aus seiner bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit erschaffen hat. Ein Gott, der Mitliebende sucht, die bereit sind, seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit zu teilen, in ihrem Alltag Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser Gott interessiert sich für den Menschen, für seine Vervollkommnung und ihm geht es nicht um ein juristisches Regelwerk, zu dem manche Muslime und Islamkritiker den Islam gemacht haben. Der Koran beschreibt die von Gott angestrebte Gott-Mensch-Beziehung als Liebesbeziehung (Koran Sure 5, Vers 54). Eine aufrichtige Liebesbeziehung gestaltet sich nicht über juristische Kategorien und schon gar nicht über Angst und Drohung.
Salafisten reduzieren den Islam auf ein paar Äußerlichkeiten. Aus dem Islam haben sie eine fremde Ideologie konstruiert, die mit dem Islam nur noch Begrifflichkeiten gemeinsam hat. Denn ihr Gott interessiert sich offensichtlich nur dafür, ob der Bart lang genug ist und die Hose ja nicht bis über den Knöchel geht und andere Oberflächlichkeiten. Als fromm wird wahrgenommen, wer als Mann einen Bart und als Frau ein Kopftuch trägt, oder wer mit der rechten und nicht mit der linken Hand isst. Ist das aber alles? Wird der Mensch nur über die Fassade als fromm definiert?
Was ist mit dem Menschsein, mit der Würde des Menschen, mit seinem Status in der Schöpfung als das edelste Geschöpf Gottes? Gehört dies alles und vieles mehr nicht vorrangig zum Islam? Was ist mit der Liebe zu Gott, die sich in der Liebe zu seiner Schöpfung ausdrückt? Ist das nicht der Kern der prophetischen Botschaft, über die der Koran sagt „Wir haben dich, Mohammed, nur als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt“ und über die Mohammed selbst sagte: „Ich wurde entsandt, um die guten Charaktereigenschaften zu vervollkommnen“?
Wenn Religionen jedoch nur noch als Fassade gelebt werden, wird ihr eigentlicher Kern ausgehöhlt; solcherart entkernte religiöse Identitäten sind sehr anfällig für politische Instrumentalisierung. Dies hat man jüngst bei den Protesten gegen das Mohammed-Schmähvideo erlebt. Salafisten nutzen solche Anlässe, um gegen den Westen zu propagieren, dabei ist dieses Video so schlecht und geschmacklos gemacht, dass man in ihm den Propheten Mohammed gar nicht wiedererkennt. Daher ist man als Muslim durch das Video eigentlich absolut nicht angesprochen. Dennoch nutzen Salafisten solche Anlässe, um zu pauschalieren. Es geht in der Weltpolitik keineswegs um Westen gegen den Islam, sondern lediglich um wirtschaftliche und politische Interessen. 
Wenn unter der „Scharia“ ein juristisches System verstanden wird, das alle Lebensbereiche erfassen und genau vorschreiben soll, in welcher Situation was zu tun ist, dann steht das in klarem Widerspruch zum Islam. Wieso eigentlich? Weil es nicht Aufgabe von Religionen, auch nicht des Islam, ist, Gesetze zu erlassen. Das eigentliche Anliegen des Islam ist, dass der Mensch sich vervollkommnet, um die Gemeinschaft Gottes zu erlangen.
Vervollkommnung aber kommt nicht von außen, auch nicht durch den Zwang eines Gesetzes. Sie ist vielmehr ein Prozess, der von innen kommen muss. Der Mensch muss an sich arbeiten und sich in seinem Menschsein, in seinen Charaktereigenschaften, die ihren Ausdruck in seinem Handeln finden, vervollkommnen. Sich aus Angst vor einer weltlichen oder jenseitigen Sanktion in bestimmter Weise zu verhalten, mag zum Erhalt einer gesellschaftlichen Ordnung dienen, leistet jedoch kaum einen Beitrag zur inneren Vervollkommnung.
Religion muss zu einer Lebenshaltung werden. Das ist viel mehr als die Befolgung von Gesetzen. In meinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ möchte ich das koranische Angebot stark machen, das die Würde, die Freiheit, die Vernunft und die Fähigkeit des Menschen, sich zu vervollkommnen, ins Zentrum religiöser Praxis rückt.
Mouhanad Khorchide leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 1971 ist er im Libanon geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf. Er studierte islamische Theologie im Libanon und promovierte in Wien in der Soziologie. Als einer der bedeutendsten muslimischen Theologen der Bundesrepublik bildet er nun Lehrer für den künftigen islamischen Religionsunterricht aus. Am 11. Oktober erscheint sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“.